Mit der KTW-Hygienezertifizierung 1+ auf der sicheren Seite

Die Qualität des Trinkwassers, das aus den Wasserhähnen in Deutschland fließt, ist ausgezeichnet. Dabei spielt nicht nur die Beschaffenheit des Wassers, sondern auch das Material von Rohren, Armaturen und anderen Bauteilen, die mit dem Wasser in Berührung kommen, eine große Rolle. In Deutschland ist das Umweltbundesamt dazu ermächtigt, Bewertungsgrundlagen für die hygienische Beurteilung von Werkstoffen und Materialien im Kontakt mit Trinkwasser festzulegen. Zukünftig handelt es sich dabei um ein System, das die bisherigen unverbindlichen KTW-Leitlinien ersetzt und nach einer Übergangszeit ab März 2021 rechtsverbindlich ist. Doch was bedeutet das für die Hersteller, Unternehmen und Wasserversorger? 

Das Trinkwasser muss vor unerwünschten Substanzen geschützt werden

Werkstoffe und Materialien, die für die Neuerrichtung oder Instandhaltung von Anlagen für die Gewinnung, Aufbereitung oder Verteilung von Trinkwasser verwendet werden und Kontakt mit Trinkwasser haben, dürfen nach der deutschen Trinkwasserverordnung (TrinkwV) nicht den Schutz der menschlichen Gesundheit unmittelbar oder mittelbar mindern, den Geruch oder den Geschmack des Wassers nachteilig verändern oder Stoffe in Mengen ins Trinkwasser abgeben, die größer sind als dies bei Einhaltung der allgemein anerkannten Regeln der Technik unvermeidbar ist.

Diese allgemeinen Anforderungen wurden für organische Materialien bisher insbesondere durch die Leitlinien des Umweltbundesamts sowie hinsichtlich des mikrobiellen Bewuchses in dem DVGW Arbeitsblatt W 270 konkretisiert. Im täglichen Sprachgebrauch werden die UBA-Leitlinien für organische Materialien auch unter dem Oberbegriff „KTW-Leitlinien“ zusammengefasst. Die Anwendung der KTW-Leitlinien ist rechtlich nicht explizit vorgeschrieben. Eine Verbindlichkeit zu deren Anwendung ergibt sich jedoch insbesondere im Rahmen von Produktzertifizierungen. Die für den Trinkwasserbereich akkreditierten Zertifizierungsstellen, wie beispielsweise die DVGW CERT GmbH, fordern für die Zertifizierung von Produkten zum Einsatz im Trinkwasser den Nachweis der hygienischen Unbedenklichkeit über entsprechende Prüfzeugnisse nach den KTW-Leitlinien. Eine Zertifizierung ausschließlich hinsichtlich der hygienischen Eignung war bisher aber nicht vorgesehen. 

Neue Bewertungsgrundlage plus Hygienezertifikat für Kunststoffe

Das Umweltbundesamt hat nun am 21. März 2019 die Bewertungsgrundlage für Kunststoffe und andere organische Materialien im Kontakt mit Trinkwasser (KTW-BWGL) (Link zum Dokument) veröffentlicht. Die KTW-BWGL soll schrittweise die bisherigen KTW-Leitlinien für organische Materialien ersetzen. Unter den Anwendungsbereich der KTW-BWGL fallen aktuell die organischen Materialien Kunststoffe, organische Beschichtungen und Schmierstoffe. Neben einem allgemeinen Teil beinhaltet die KTW-BWGL einen „Polymerspezifischen Teil“ mit Positivlisten derjenigen Stoffe, die für die Herstellung der unterschiedlichen organischen Materialien verwendet werden dürfen. Die KTW-BWGL gilt ab dem 21.03.2021 rechtsverbindlich. Zeitgleich mit der Veröffentlichung der KTW-BWGL wurde vom Umweltbundesamt die Empfehlung „Konformitätsbestätigung der trinkwasserhygienischen Eignung von Produkten“ (Link zum Dokument) veröffentlicht, in der ein Verfahren zur Ausstellung einer Konformitätsbestätigung und somit zur Erlangung eines (Hygiene-)Zertifikates beschrieben ist. Auf Basis dieser Empfehlung wurden bereits entsprechende Zertifizierungsprogramme   bei der DVGW CERT GmbH etabliert, die bei Einhaltung aller Anforderungen in die Ausstellung eines Hygienezertifikats münden (Link zu Dokument ZP 1000), (Link zu Dokument ZP 0800) .

Rohre und Ausrüstungsgegenstände erfordern das KTW 1+ System

Das neue Zertifizierungsverfahren kann sowohl für Bauteile wie Filtergehäuse eines mechanischen Filters als auch für zusammengesetzte Produkte, die Bauteile aus organischen Materialien enthalten, wie mechanische Filter mit allen Einzelbauteilen angewendet werden. Die höchsten Anforderungen im Zusammenhang mit der Prüfung nach KTW-BWGL und Zertifizierung nach UBA-Empfehlung werden an Rohre und Ausrüstungsgegenstände, z. B. Fittinge oder Armaturen, gestellt, da sie in einem Trinkwasserverteilungssystem flächenmäßig den größten Anteil an trinkwasserberührter Oberfläche ausmachen. Diese Produkte werden nach KTW-BWGL in die Risikogruppe P1 eingruppiert. Produkte oder Bauteile der Gruppe P1 sind nach dem sogenannten „1+ System“ zu zertifizieren. Das „1+ System“ beinhaltet:

  • Erstinspektion des Werkes und Entnahme der Prüfmuster
  • Typprüfung
  • werkseigene Produktionskontrolle (Eigenüberwachung) und
  • jährliche Überwachungsprüfung (Fremdüberwachung).

Nach dem bisherigen System der KTW-Leitlinien war nur die Typprüfung gefordert. Das erworbene Prüfzeugnis diente dann gleichzeitig als Konformitätsbestätigung. Bei dem neuen „1+ System“ kommen zusätzlich zu der Typprüfung umfassende Inspektions- und Überwachungstätigkeiten hinzu. Die Konformitätsbestätigung erfolgt auf Basis von Prüf- und Inspektionsberichten durch einen akkreditierten Zertifizierer.

An der Typprüfung selber ändert sich in der Praxis nichts zum bisherigen System. Die Typprüfung erfolgt wie bisher nach DIN EN 12873-1 bzw. Prüfung des mikrobiellen Bewuchses nach DIN EN 16421, Verfahren 2 (identisch mit DVGW W 270 Prüfung). Die trinkwasserhygienische Eignung wird nach wie vor als Anforderung an die Rezeptur, Grundanforderungen, Zusatzanforderungen, rezepturspezifische Einzelstoffanforderungen sowie Anforderung an die Förderung des mikrobiellen Wachstums formuliert.

Bei Produkten mit kleineren trinkwasserberührten Oberflächen kann die Konformitätsbestätigung auch nach einfacheren Verfahren erfolgen. Diese sind das Zertifizierungsverfahren auf Basis einer Typprüfung bei P2-Produkten oder durch eine Eigenerklärung des Herstellers auf Basis eines KTW-BWGL-Prüfberichts bei P3-Produkten. Bei beiden letztgenannten Verfahren entfällt die Erstinspektion des Werkes und es findet auch keine jährliche Fremdüberwachung statt.

TZW Prüfstelle Wasser ist für das neue System akkreditiert

Für einen Produkthersteller besteht zwar keine Zertifizierungspflicht, jedoch wird die Erlangung eines Zertifikats in § 17 der Trinkwasserverordnung explizit als Möglichkeit genannt, sich die Einhaltung der Anforderungen an Werkstoffe und Materialien bestätigen zu lassen. Somit ist der Stellenwert eines durch einen akkreditierten Zertifizier ausgestellten Zertifikats deutlich höher zu bewerten als andere Formen von Konformitätserklärungen. Dies gilt umso mehr, als zur Erlangung eines Zertifikats umfangreiche Prüf- und Inspektionstätigkeiten am Produkt und im Herstellerwerk durchzuführen sind. Diese können nur von entsprechend qualifizierten Prüfern und Inspektoren, wie sie auch an der TZW Prüfstelle Wasser vorhanden sind, geleistet werden.     

Die TZW Prüfstelle Wasser ist bereits als Prüflaboratorium für die Prüfung nach KTW-BWGL akkreditiert. Darüber hinaus stellt sie Inspektoren, die durch die Zertifizierungsstelle beauftragt sind, die Fachaudits im Rahmen der Erstinspektion des Werkes und der jährlichen Überwachungsprüfungen durchführen. 

Zurück