Optische Inneninspektionen ermöglichen einen direkten Blick in Trinkwasserleitungen und liefern objektkonkrete Informationen für Betrieb, Qualitätssicherung und Sanierungsplanung. Eine aktuelle Veröffentlichung des TZW in der DVGW energie | wasser-praxis 10/26 zeigt, welche Erkenntnisse Kamerainspektionen liefern können und worauf es bei ihrem Einsatz ankommt.
Für den sicheren und wirtschaftlichen Betrieb von Trinkwassernetzen sind belastbare Informationen über den Zustand einzelner Leitungsabschnitte entscheidend. Häufig beruhen Bewertungen jedoch vor allem auf Bestandsdaten, Erfahrungswerten oder indirekten Hinweisen. Eine Kamerainspektion ergänzt diese Grundlagen um einen unmittelbaren Blick in das Rohrinnere – zerstörungsfrei, präzise und nachvollziehbar.
Was die Kamera im Rohr sichtbar macht
Mit moderner Kamera- und Lichttechnik lassen sich Auffälligkeiten im Inneren von Trinkwasserleitungen gezielt erfassen und dokumentieren. Dazu gehören unter anderem:
- der Zustand der Innenoberfläche,
- Ablagerungen und Gasblasen,
- Rohrverbindungen und Beschichtungen,
- Wurzeleinwuchs und Fremdkörper,
- Einbauten und Auffälligkeiten im Rohrquerschnitt,
- der Zustand von Inlinern und Opferanoden sowie
- Veränderungen der Rohrgeometrie.
Die Befahrung wird als Video aufgezeichnet. Relevante Beobachtungen werden zusätzlich in einem Fotoprotokoll dokumentiert und anhand der Kabellänge räumlich zugeordnet. Auf Wunsch erstellt das TZW eine fachliche Bewertung mit Empfehlungen für das weitere Vorgehen.
Von der Planung bis zur Zustandsbewertung
Eine erfolgreiche Kamerainspektion beginnt bereits vor der eigentlichen Befahrung. Zunächst prüft das TZW anhand der verfügbaren Leitungs- und Betriebsdaten, ob eine Inspektion technisch möglich und für die jeweilige Fragestellung sinnvoll ist. Darauf aufbauend werden der Inspektionsablauf, die Zugänge, die Aufgabenverteilung und mögliche Risiken festgelegt.
Besondere Bedeutung hat die hygienische Absicherung. Alle Komponenten, die mit der Rohrinnenfläche oder dem Trinkwasser in Berührung kommen, werden entsprechend den Anforderungen des DVGW-Merkblatts W 492 gereinigt und desinfiziert. Während der Befahrung wird auch das Kamerakabel kontinuierlich desinfiziert.
Das TZW-Inspektionssystem verfügt über eine Kabellänge von bis zu 2.500 Metern und kann für Leitungen im Durchmesserbereich DN 200 bis DN 1200 eingesetzt werden. Inspektionen sind bei unterschiedlichen Rohrmaterialien sowie in gefüllten und entleerten Leitungen möglich. Entscheidend sind dabei stets die konkrete Zugangssituation, der Betriebszustand und die zuvor definierte Fragestellung.
Vielfältige Einsatzmöglichkeiten für Wasserversorger
Kamerainspektionen können Wasserversorgungsunternehmen in verschiedenen Situationen unterstützen:
Netzbetrieb und Instandhaltung: Kritische oder auffällige Leitungsabschnitte können gezielt untersucht und operative Maßnahmen besser priorisiert werden.
Rehabilitation und Asset Management: Informationen über Innenbeschaffenheit, Abgänge, Durchmesseränderungen oder Hindernisse schaffen eine fundierte Grundlage für Sanierungsstrategien und langfristige Infrastrukturentscheidungen.
Vorbereitung grabenloser Sanierungen: Fremdkörper, Ablagerungen und bauliche Besonderheiten lassen sich vor Beginn der Arbeiten erkennen und bei der Planung berücksichtigen.
Neubau und Qualitätssicherung: Neuverlegte Leitungen, Schweißnähte und mögliche baubedingte Auffälligkeiten können vor der Inbetriebnahme kontrolliert und dokumentiert werden.
Klärung konkreter Auffälligkeiten: Bei Verdacht auf Wurzeleinwuchs, Ablagerungen, Fremdkörper, hydraulische Einschränkungen oder Auffälligkeiten an Armaturen liefert die Kamera objektbezogene Informationen.
Ergänzung bestehender Bewertungsverfahren
Eine optische Inneninspektion ersetzt keine materialtechnische Untersuchung. Sie ermöglicht keine direkte Aussage zur Restwanddicke oder zur mechanischen Restnutzungsdauer einer Leitung. Ihr besonderer Nutzen liegt in der Sichtbarmachung des tatsächlichen Rohrinneren: Annahmen können überprüft, Auffälligkeiten eingegrenzt und weiterführende Untersuchungen oder Maßnahmen gezielter geplant werden.
Die aktuelle TZW-Veröffentlichung basiert auf Erkenntnissen aus zahlreichen Praxiseinsätzen und aus dem DVGW-Forschungsprojekt OptInspekt. Die Ergebnisse zeigen: Entscheidend für einen hohen Informationsgewinn ist nicht allein die Kameratechnik, sondern das Zusammenspiel aus einer klaren Fragestellung, sorgfältiger Planung, hygienischer Absicherung, geeigneter Technik und fachlicher Auswertung.
Der Flyer „Kamerainspektion von Trinkwasserleitungen – Grundlage für eine belastbare Zustandsbewertung“ fasst Ablauf, Einsatzmöglichkeiten und technische Rahmenbedingungen kompakt zusammen.
Interesse an einer fachlichen Einschätzung?
Gerne prüfen wir, ob eine Kamerainspektion in Ihrem Fall machbar und sinnvoll ist.
Ergänzende fachliche Informationen bietet die
TZW-Projektseite zu OptInspekt
DVGW energie | wasser-praxis 10/26 *pdf
Flyer "Kamerainspektion von Trinkwasserleitungen" *pdf